In Garching bei München baut zur Zeit die Technische Universität München (TUM) mit der Firma Siemens als Generalunternehmer einen Atomreaktor. Es handelt sich um einen Forschungsreaktor (FRM-II) zur Bereitstellung von Neutronen für die Grundlagenforschung als Ersatz für den alten Forschungsreaktor FRM von 1957, das legendäre "Atomei". Der FRM-II ist der einzige Reaktorneubau in Deutschland und der einzige Neubau eines Forschungsreaktors weltweit, der hochangereichertes Uran einsetzen will. Das Richtfest für den Rohbau fand im August 1998 statt. Bisher wurden die erste und zweite Teilerrichtungsgenehmigung (TEG) rechtskräftig erteilt. Sie beinhalten das vorläufige positive Gesamturteil, die Errichtung der Gebäude und der technischen Einrichtungen sowie den kalten Betrieb. Die dritte TEG steht noch aus. Sie wird den Reaktorkern und den heißen Betrieb (Betriebsgenehmigung) zum Gegenstand haben und wird für 2001 erwartet. Kritisiert wird der Reaktor vor allem wegen der Verwendung von waffenfähigem Uran als Brennstoff und dem bisher nicht ausreichend getesteten Brennelement.

Steigende Kosten

Die Gesamtkosten werden derzeit mit ca. 800 Mio. DM angegeben. Realistisch sind Kosten von über 1 Mrd. DM zu erwarten. Für die Finanzierung des Garchinger Reaktors kommt der Bundesanteil von 395 Mio. DM (gedeckelt auf 600 Mio.) aus zwei Haushaltstiteln. Den größeren Anteil der Kosten - wahrscheinlich 700 - 800 Mio. DM - trägt der Freistaat Bayern aus Privatisierungserlösen und Einsparungen im Hochschulhaushalt. Der Bundesanteil an den Betriebskosten für die ersten 10 Jahre beträgt 80 Mio. DM (Festbetrag). Gemäß der Verwaltungsvereinbarung zwischen dem Bund und dem Freistaat Bayern steht die Bereitstellung der Bundesmittel unter dem Vorbehalt, dass der Deutsche Bundestag die entsprechenden Mittel zur Verfügung stellt. Die Bereitstellung der Mittel durch den Freistaat Bayern unterliegt ebenfalls einem Haushaltsvorbehalt.

Problem HEU

Im FRM-II soll hochangereichertes Uran (HEU) mit einer Anreicherung von 93 % eingesetzt werden. HEU ist zum Bau von Atombomben geeignet. Bei einem Jahresbedarf von 40 kg HEU wird beim FRM-II die signifikante Menge gemäß IAEO wesentlich überschritten. Technologisch ist es einfacher, Atombomben aus Uran als aus Plutonium zu bauen. Dies macht HEU gerade für Schwellenländer (die in Pakistan 1998 getesteten Bomben waren Uran-Bomben) und Terroristen besonders interessant.

Im Rahmen der internationalen Bemühungen zur Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen seit Ende der 70er Jahre gelang es, den Markt für waffenfähiges Uran erheblich einzuschränken. Ein weltweites Programm zur Anreicherungsreduzierung bei Uran für Forschungsreaktoren wurde - auch unter finanzieller Beteiligung der BRD - in Gang gesetzt. Deutsche Forschungsreaktoren wurden auf niedrig angereichertes, nicht waffenfähiges Uran (LEU) umgestellt bzw. befinden sich in der Umstellung. Der Bundestag lehnte einstimmig den Einsatz von waffenfähigen Brennstoffen in Forschungsreaktoren ab (Bundestagsbeschluss von 1993). Selbst im Entwurf der SPD für ein Kernenergieabwicklungsgesetz von 1987 ist das Verbot der Verwendung von HEU für zivile Zwecke schon formuliert.

Die USA liefern HEU nur noch an Reaktorbetreiber, die sich zur Umstellung auf LEU verpflichtet haben oder nicht umstellbar sind. Für den neu geplanten FRM-II lehnen sie die Lieferung ab. Für den FRM-II soll deshalb in den ersten Jahren restliches noch vorhandenes HEU aus Altbeständen eingesetzt werden. Für die übrige Betriebszeit wurde im Juni 1998 nach dem Beispiel Frankreichs ein Rahmenabkommen mit Russland geschlossen. Die erste Lieferung von russischem HEU nach Frankreich erfolgte überraschend im Dezember 1998. Damit wurde die Befürchtung von Abrüstungsexperten wahr, dass mit dem neuen Garchinger Reaktor - den französischen Vorstoß verstärkend - ein neuer Markt für HEU entstehe und ein Präzedenzfall geschaffen werde, auf den sich Schwellenländer berufen könnten, die nicht unbedingt nur die sogenannte friedliche Nutzung der Atomenergie im Sinne haben.

Umstellung des FRM-II

Aufgrund der Koalitionsvereinbarung der rot-grünen Bundesregierung vom Oktober 1998 wurde eine sechsköpfige Kommission eingesetzt, die prüfen soll, ob Möglichkeiten einer Umrüstung des Forschungsreaktors FRM-II vom Betrieb mit hochangereichertem auf niedrigangereichertes Uran bestehen. Die Kommission hat ihre Arbeit bereits aufgenommen und soll im Juni 1999 eine Empfehlung abgeben, die dann der Bundesregierung als Entscheidungshilfe dienen wird. Die TU München verbreitet bereits jetzt als Meinung der Kommission, dass eine Umrüstung von hoch- auf niedrig angereichertes Uran derzeit nicht möglich ist. Dabei wäre durch eine Umrüstung das Verwerflichste an diesem Projekt abgewendet. Der Nachahmeffekt anderer Forschungsreaktoren im In- und Ausland wäre vermieden. Allein in Deutschland gibt es zwei weitere Forschungsreaktoren, bei denen die Umstellung zwar untersucht, aber noch nicht vollzogen ist. Bekommt Garchings FRM-II HEU, so ist anzunehmen, dass sich die Betreiber der Forschungsreaktoren Jülich und Berlin der geplanten Umrüstung mit Hinweis auf Garching verweigern werden. Es geht also nicht nur um HEU in Garching, sondern um die Entscheidung: "entweder keinen HEU-Reaktor oder drei HEU-Reaktoren in Deutschland". Die Kritiker des Garchinger Projekts haben immer wieder auf diesen schädlichen Nachahmeffekt hingewiesen, insbesondere wenn Forschungsreaktoren in sogenannten Schwellenländern errichtet werden sollen. Jetzt zeigt sich bereits, dass diese Kritik berechtigt war und ist.

HEU = highly enriched uranium
LEU = lowly enriched uranium
IAEO = Internationale Atomenergie Organisation

Februar  1999
Karin Wurzbacher, Dipl.Phys.
Umweltinstitut München e.V., Schwere-Reiter-Str. 35 / 1b, 80797 München
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