Im Ernstfall ohne Hilfe?

Die Frage, was bei einem schweren Reaktorunfall zu tun ist und wie in so einem Fall die Bevölkerung geschützt werden kann, hat solange Aktualität, wie Atomkraftwerke im In- und Ausland betrieben werden. Der Unfall von Tschernobyl lieferte uns einen Vorgeschmack und war Anlass dafür, dass der "Strahlenschutzvorsorge" in Deutschland mehr Bedeutung geschenkt wurde. Allerdings wurde von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, dass Ende des Jahres 1999 neue "Rahmenrichtlinien für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen" und neue dazugehörige "Radiologische Grundlagen" verabschiedet wurden. Im Gegensatz dazu erregten diese beiden Papiere zwei Jahre nach Tschernobyl, das heißt nach ihrer damaligen Verabschiedung 1988, großes öffentliches Aufsehen. Aus diesem Anlass und weil der Betrieb der Atomkraftwerke in Deutschland zumindest für die nächsten zwei Jahrzehnte abgesichert ist, wird das Thema "Strahlenschutzvorsorge" nachfolgend aufgegriffen.

Lehren aus Tschernobyl

Mit einem Unfall, wie er sich am 26. April 1986 in der Ukraine im Atomkraftwerk Tschernobyl ereignete, hatten weder Politiker noch Fachleute gerechnet. Innerhalb weniger Tage wurden nicht nur Gebiete in nächster Umgebung des Reaktors sondern auch weit entfernte Regionen in Westeuropa und Kleinasien mit radioaktiven Substanzen kontaminiert. Das Informationschaos, die Rat- und Hilflosigkeit der zuständigen Stellen sind unvergessen. Auch heute sind die Folgen von Tschernobyl noch nicht bewältigt. Um für einen nächsten Reaktorunfall, sei es im eigenen Land oder im nahen Ausland, besser gerüstet zu sein, wurden seitdem von den zuständigen Stellen Vorbereitungen getroffen und eine Reihe von verbindlichen Regelungen geschaffen:
  • das Strahlenschutzvorsorgegesetz (19.12.86),
  • die EG-Verordnung (EURATOM) Nr. 3954/87 (22.12.87) mit Nachträgen,
  • die Radiologischen Grundlagen für Entscheidungen über Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung bei unfallbedingten Freisetzungen von Radionukliden (11.5.88, novelliert 6.4.99)
  • die Rahmenempfehlungen für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen (1.12.88, novelliert 11.6.99).

1. Strahlenschutzvorsorgegesetz

Auf das Informationschaos direkt nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl reagierte die damalige Bundesregierung schnell. Noch im selben Jahr, am 19.12.1986, verabschiedete sie das Strahlenschutzvorsorgegesetz (StrVG). Dieses Gesetz hat zum Ziel, zukünftig bei derartigen Katastrophen einheitliche Informationen und Empfehlungen an die Bevölkerung zu geben. Es soll sichergestellt werden, dass sich Politiker und Behördenvertreter verschiedener Bundesländer nicht mehr abweichend voneinander äußern. Gemäß StrVG sind im Auftrag des Bundesumweltministers nach einheitlichen Kriterien bundesweit Messwerte zu erheben. Diese liefern dann dem Umweltminister die Grundlage für entsprechende Entscheidungen und bundeseinheitlich koordinierte Vorsorgemaßnahmen und Empfehlungen.

Also wurde 1987 in Deutschland mit dem Aufbau eines dichten Messnetzes begonnen, das die Radioaktivität in Luft und Boden kontinuierlich überwachen soll. Mehr als 2000 Messstellen stehen heute zur Verfügung, was bedeutet, dass sich im Durchschnitt alle 13 km eine Messstelle befindet. Die Messstellen kommunizieren miteinander über das rechnergestützte einheitliche Mess- und Informationssystem (IMIS) des Bundesamt für Strahlenschutz. Im Routinebetrieb von IMIS werden täglich Datensätze an den Bundesumweltminister weitergeleitet. Im Intensivbetrieb ist die Verarbeitung der Daten im Zweistundentakt möglich. Der Bundesumweltminister bewertet die ermittelten Daten und informiert Parlament und Öffentlichkeit. Im Normalfall erfolgt dies jährlich, im Ereignisfall soll dies zeitgerecht entsprechend der Lageentwicklung erfolgen.

Als Entscheidungshilfe im Falle eines nuklearen Unfalls wurden darüber hinaus Prognosemodelle entwickelt. Sollte es also erneut zu einem solchen Unfall kommen, dann soll ein entwickeltes Programmsystem in kurzer Zeit Vorhersagen über die weitere radiologische Entwicklung liefern. Man sieht darin eine Möglichkeit, die radiologische Belastung der Bevölkerung durch frühzeitige Informationen und Empfehlungen entsprechend in Grenzen halten zu können.

Das Programmsystem zur Abschätzung und Begrenzung radiologischer Konsequenzen (PARK), das am GSF-Institut für Strahlenschutz, Neuherberg, entwickelt wurde, lässt sich allerdings nur auf Unfälle anwenden, die sich weit entfernt, also im Ausland, ereignen. In die Entwicklung eines umfassenderen Entscheidungshilfesystems RODOS (Real-time online Decision Support System), das 1989 von der Europäischen Union initiiert wurde, sind etwa 40 europäische Institute eingebunden. Mit RODOS wird der Nahbereich eines havarierten Reaktors (20 km - Zone) erfasst, aber auch mittlere Entfernungen (bis zu 100 km) und weiträumige Gebiete, wie zum Beispiel ganz Europa, werden beschrieben. Beiden Programmsystemen liegt der gleiche methodische Ansatz zugrunde. Bei einem Unfall wird die resultierende Strahlenexposition der Bevölkerung in den betroffenen Gebieten durch Modellrechnungen abgeschätzt, und es werden entsprechende Maßnahmen empfohlen. Wenn die ersten aktuell gemessenen Werte eintreffen, werden die Rechenergebnisse überprüft und gegebenenfalls korrigiert. Dazu werden Kenntnisse benötigt über Unfallabläufe, Art und Menge des Kernbrennstoffs, atmosphärische Ausbreitungsmodelle und radioökologische Zusammenhänge. So hat zum Beispiel nicht nur die Menge der freigesetzten Radionuklide nebst Wetterbedingungen sondern auch der Unfallzeitpunkt einen wesentlichen Einfluss auf die Höhe der Strahlenexposition über Nahrungsmittel (Abb.1). Ein Unfall während der Sommermonate führt zu einer direkten Ablagerung von Radionukliden auf Nahrungs- und Futterpflanzen. Ereignet sich der Unfall aber außerhalb der Vegetationsperiode, dann liefert die Aufnahme von Radionukliden über die Pflanzenwurzel aus dem Boden einen ungleich niedrigeren Dosisbeitrag.

Abb.1 Strahlenexposition durch Nahrung in Abhängigkeit vom Unfallzeitpunkt. Folgendes ist zu berücksichtigen: Die Beiträge einzelner Nahrungsmittel können je nach Verzehrgewohnheiten und Art der Tierfütterung stark schwanken. Es kann auch zu unfallbedingten Änderungen der Verhaltensweisen kommen.

Neben den Anstrengungen der offiziellen Stellen zur Überwachung der Radioaktivität haben sich aber auch private Initiativen entwickelt und in Deutschland unabhängige Messstellen und -netze eingerichtet. Da sich die BürgerInnen unmittelbar nach Tschernobyl im Stich gelassen gefühlt haben, ist das Vertrauen in die staatliche Überwachungs- und Informationspolitik nicht mehr vorhanden. Private Messstellen, wie sie auch im Umweltinstitut München e.V. betrieben werden, wollen unabhängig und kompetent die radioaktive Belastung von Lebensmitteln, der Außenluft und der Niederschläge messen, um ihrerseits im Ernstfall sofort Informationen und Empfehlungen an die Bevölkerung geben zu können.

2. EG-Verordnungen

Auch in der Europäischen Gemeinschaft kam man nicht umhin, auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zu reagieren. Nach einem kurzzeitigen anfänglichen Einfuhrverbot für Agrarerzeugnisse aus den durch den Unfall von Tschernobyl stark betroffenen Ländern hat der Rat der Europäischen Gemeinschaft die Wiederaufnahme der Einfuhren nach "gemeinsamen Modalitäten" beschlossen. Dabei war es erklärtes Ziel, nicht nur die Gesundheit der Verbraucher zu schützen, sondern auch die Einheit des Marktes ohne ungebührende Beeinträchtigung des Handels zwischen den Ländern der Europäischen Gemeinschaft und den betroffenen Drittländern zu erhalten und Verkehrsverlagerungen zu verhindern. Die Verordnung (EWG) Nr. 1707/86 über die Einfuhrbedingungen für landwirtschaftliche Erzeugnisse mit Ursprung in Drittländern nach dem Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl wurde in einem Eilverfahren am 30.5.1986 für eine Geltungsdauer von 4 Monaten erlassen. Diese musste aber immer wieder verlängert bzw. erneuert werden (zuletzt Verordnung 616/2000 vom 20.3.2000, gültig bis 31.3.2010), da sich die radioaktive Belastung von Lebensmitteln in Folge des Unfalls von Tschernobyl doch als ein langfristiges Problem herausgestellt hat (siehe Umweltnachrichten 87/2000). Somit gelten derzeit folgende Grenzwerte für Nahrungsmittelimporte aus Drittländern: Die maximal kumulierte Aktivität für Gesamtcäsium (Cs-134 und Cs-137), die nicht überschritten werden darf, beträgt für Milch, Milcherzeugnisse und Babynahrung 370 Bq/kg und für alle anderen Erzeugnisse 600 Bq/kg.

Tabelle 1: Höchstwerte für Nahrungsmittel 1) im Falle eines nuklearen Unfalls (Bq/kg)
(Verordnungen (EURATOM) 3954/87, 944/89 und 2218/89)
  Nahrungsmittel für Säuglinge2) Milcherzeugnisse Andere Nahrungsmittel Nahrungsmittel geringerer Bedeutung Flüssige Nahrungsmittel3)
Strontiumisotope, insbes. Sr-90 75 125 750 7500 125
Jodisotope, insbes. J-131 150 500 2000 20.000 500
Alphateilchen emittierende Plutoniumisotope und Transplutoniumelemente, insbes. Pu-239, Am-241 1 20 80 800 20
Alle übrigen Nuklide mit der Halbwertzeit von mehr als 10 Tagen, insbes. Cs-134, Cs-137 ohne C-14, H-3 400 1000 1250 12.500 1000

1) Die für konzentrierte und getrocknete Erzeugnisse geltende Höchstgrenze wird anhand des zum unmittelbaren Verzehr bestimmten rekonstruierten Erzeugnisses errechnet. Die Mitgliedstaaten können Empfehlungen hinsichtlich der Verdünnungsbedingungen aussprechen, um die Einhaltung der in dieser Verordnung festgelegten Höchstwerte zu gewährleisten.
2) Als Nahrungsmittel für Säuglinge gelten Lebensmittel für die Ernährung speziell von Säuglingen während der ersten vier bis sechs Lebensmonate, die für sich genommen den Nahrungsbedarf dieses Personenkreises decken und in Packungen für den Einzelhandel dargeboten werden, die eindeutig als "Zubereitung für Säuglinge" gekennzeichnet und etikettiert sind.
3) Die Werte werden unter Berücksichtigung des Verbrauchs von Leitungswasser berechnet; für die Trinkwasserversorgungssysteme sollten nach dem Ermessen der zuständigen Behörden der Mitgliedstaaten identische Werte gelten

Obgleich die festgelegten Höchstwerte nur für die Einfuhr von Nahrungsmitteln in die Europäische Union gelten, werden sie in der Praxis aber auch innerhalb der EU als solche angewendet.

Im Falle eines erneuten nuklearen Unfalls oder einer radiologischen Notstandssituation, die zu einer erheblichen Belastung von Nahrungs- und Futtermitteln führen kann, wird diese Grenzwertregelung außer Kraft gesetzt. Dafür hat der Rat der Europäischen Gemeinschaft Ende der 80er Jahre durch entsprechende Verordnungen bereits vorgesorgt. Nach einem nuklearen Unfall wird auf EU-Ebene bei Bedarf für Nahrungs- und Futtermittel, die auf den Markt gelangen oder zur Ausfuhr in Drittländer bestimmt sind, unverzüglich die bereits bekannt gemachte Verordnung (EURATOM) Nr. 3954/87 mit ihren Nachträgen in Kraft gesetzt, die dann neue Höchstwerte für den Radioaktivitätsgehalt festlegt (Tab.1 und 2). Es werden Höchstwerte möglich, die weit über den nach dem Unfall von Tschernobyl für vertretbar gehaltenen Höchstwerten liegen. Außerdem sind neben den Höchstwerten für Cäsium auch Höchstwerte für Strontium, Jod und Alphastrahler festgelegt, deren schädigende Wirkungen sich hinzuaddieren.

Tabelle 2: Höchtswerte für Futtermittel 1) im Falle eines nuklearen Unfalls (Bq/kg)
(Verordnung (EURATOM) Nr. 770/90 der Kommission vom 29.3.90)
Tierart Cäsium-134 und Cäsium-137
Schwein 1250
Geflügel, Lamm, Kalb 2500
Sonstige 5000
1) Mit diesen Werten soll zur Einhaltung der zulässigen Höchstwerte für Nahrungsmittel beigetragen werden; es kann jedoch nicht davon ausgegangen werden, dass sie allein diese Einhaltung unter allen Umständen gewährleisten; sie berühren auch nicht die Verpflichtung, die Werte in Erzeugnissen tierischer Herkunft, die zum menschlichen Verzehr bestimmt sind, zu kontrollieren.

Allein die Cäsium-Höchstwerte für Milch dürfen danach dreimal so hoch und bei Nahrungsmitteln doppelt so hoch sein, wie sie in den Übergangsregelungen nach dem Unfall von Tschernobyl angesetzt wurden. Die Cäsium-Höchstwerte für Nahrungsmittel geringerer Bedeutung (Gewürze, Fette und Öle, Hefe usw.) liegen um das 10-fache über denjenigen für andere Nahrungsmittel. Die Cäsium-Werte für flüssige Nahrungsmittel entsprechen denen für Milch und sind gemäß EU-Vorgabe unter Berücksichtigung des Verbrauchs von Leitungswasser zu berechnen. Für die Trinkwasserversorgungssysteme sollten nach dem Ermessen der Behörden der Mitgliedsstaaten im Falle eines nuklearen Unfalls dann die gleichen Werte gelten. Mit den festgelegten Werten für Futtermittel soll zur Einhaltung der zulässigen Höchstwerte für Nahrungsmittel beigetragen werden. Davon unberücksichtigt bleibt aber die Verpflichtung zu Kontrollen bei Erzeugnissen tierischen Ursprungs.

3. Radiologische Grundlagen

Die "Radiologischen Grundlagen für Entscheidungen über Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung bei unfallbedingten Freisetzungen von Radionukliden" sind Teil der Rahmenrichtlinien für den Katastrophenschutz und dienen vor allem der Festlegung von Eingreifrichtwerten für die Einleitung von Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung. Die neue Fassung wurde am 6.4.1999 vom "Länderausschuss für Atomkernenergie" verabschiedet und ersetzt die Fassung vom 11.5.1988.

Aus den Radiologischen Grundlagen von 1988 wurden dabei folgende Grundsätze für die Einleitung von Maßnahmen im Ereignisfall übernommen:

Grundsatz der Vermeidung deterministischer Wirkungen

Schwerwiegende deterministische Wirkungen (akut auftretende Schäden bis hin zum Tod) sollen durch Maßnahmen zur Beschränkung der individuellen Strahlendosis auf Werte unter den Schwellendosen für diese Effekte vermieden werden. Dies ist die Basis für die Arbeit des Katastrophenschutzes.

Grundsatz der Verhältnismäßigkeit

Die wichtigsten Maßnahmen, mit denen eine unfallbedingte Stahlenexposition vermieden oder herabgesetzt werden kann, sind: Aufenthalt in Gebäuden, Einnahme von Jodtabletten, Eingriffe in die Versorgung, Evakuierung, langfristige Umsiedlung, temporäre Umsiedlung. Die Umsiedlung zählt dabei nicht zu den Maßnahmen des Katastrophenschutzes, da für die Entscheidungsfindung mehr Zeit zur Verfügung steht. Auf die Festlegung von Eingreifrichtwerten für die Versorgung mit Nahrungs- und Futtermitteln konnte in den neuen radiologischen Grundlagen verzichtet werden, da diese Maßnahme durch die in den entsprechenden EU-Verordnungen festgelegten Höchstwerte geregelt ist.

Von dem Konzept eines unteren Dosisrichtwerts, bei dem frühestens eine Maßnahme eingeleitet werden darf, und eines oberen Dosisrichtwerts, bei dem spätestens eine Maßnahme ergriffen werden muss, wurde in der Neufassung abgegangen. Für jede Maßnahme wurde ein Eingreifrichtwert festgelegt, bei dessen Erreichen die Einleitung von Schutzmaßnahmen zu prüfen ist (Tab. 3). Die neuen Eingreifrichtwerte orientieren sich dabei an den ehemals unteren Dosisrichtwerten.

Eine deutliche Änderung ist bei der Maßnahme "Einnahme von Jodtabletten" zu beobachten. Die Neuerungen beinhalten die drastische Senkung der Eingreifrichtwerte, die Änderung der zu verabreichenden Joddosis und die Beschränkung auf Personen bis zum 45. Lebensjahr. Während man 1988 noch die Meinung vertrat, die Dosisrichtwerte in Deutschland um den Faktor 4 gegenüber dem Vorschlag der EG-Expertenkommission und den WHO-Empfehlungen erhöhen zu müssen, so werden jetzt die WHO-Empfehlungen zur Jodblockade der Schilddrüse übernommen. Begründet wurde dies 1988 damit, dass es sich bei einem überwiegenden Teil der Bundesrepublik um ein Jodmangelgebiet handelt und deshalb unerwünschte Nebenwirkungen zu erwarten wären. Das schwerwiegendste Argument, das zur Senkung der deutschen Eingreifrichtwerte geführt hat, waren aber die Erfahrungen nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Es hat sich gezeigt, dass die Häufigkeit des Schilddrüsenkrebses bei Kindern, ausgelöst durch die Aufnahme von Radiojod, auch in einigen hundert Kilometer weit entfernten Gebieten Weißrusslands und der Ukraine deutlich angestiegen ist. Auch aus den Nachuntersuchungen an den Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki war bereits bekannt, dass das zusätzliche relative Risiko für Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen stark erhöht ist.

Tabelle 3: Eingreifrichtwerte für die Maßnahmen Aufenthalt in Gebäuden, Einnahme von Jodtabletten, Evakuierung, langfristige Umsiedlung und temporäre Umsiedlung
Maßnahme Eingreifrichtwerte
Organdosis (Schilddrüse) effektive Dosis Integrationszeiten und Expositionspfade
Aufenthalt in Gebäuden   10 mSv äußere Exposition in 7 Tagen und effektive Folgedosis durch in diesem Zeitraum inhalierte Radionuklide
Einnahme von Jodtabletten 50 mSv Kinder bis zu 12 Jahren sowie Schwangere, 250 mSv Personen von 13 bis 45 Jahren   im Zeitraum von 7 Tagen inhaliertes Radiojod einschließlich der Folgeäquivalentdosis
Evakuierung   100 mSv äußere Exposition in 7 Tagen und effektive Folgedosis durch in diesem Zeitraum inhalierte Radionuklide
langfristige Umsiedlung   100 mSv äußere Exposition in 1 Jahr durch abgelagerte Radionuklide
temporäre Umsiedlung   30 mSv äußere Exposition in 1 Monat

Nun endlich erfolgt eine Anpassung an die internationalen Empfehlungen. Die Dosisrichtwerte wurden wieder um den Faktor 4 erniedrigt. Die verabreichte Joddosis ist reduziert bei nur einmaliger täglicher Einnahme. Die Dauer der Einnahme soll sich bei Neugeborenen auf einen Tag und bei Schwangeren und Stillenden auf zwei Tage beschränken. Wegen des im Jodmangelgebiet Deutschland mit zunehmendem Alter häufigeren Auftretens von Stoffwechselstörungen in der Schilddrüse wird die Jodblockade bei Personen, die über 45 Jahre alt sind, nicht empfohlen. Diese Einschränkung könnte allerdings durch Einführung einer Jodprophylaxe, wie in Österreich und der Schweiz, begegnet werden.

Gemäß den obigen Grundsätzen sollen nur akut auftretende Schäden verhindert oder begrenzt werden. Spätschäden, wie Leukämie, Krebs, Missbildungen in den nächsten Generationen, sollen so weit wie möglich vermindert werden. Der Gefährdung des ungeborenen Lebens durch radioaktive Strahlung wird dabei aber nicht ausreichend Rechnung getragen. Die Strahlendosis für den Verbleib im Haus (10 mSv effektive Dosis in 7 Tagen) ist bereits so hoch, dass kein Arzt eine schwangere Frau mit dieser Dosis röntgen würde. Sie entspricht im Mittel etwa 40 Röntgenaufnahmen in 7 Tagen. Die Strahlendosis für die Evakuierung (100 mSv effektive Dosis in 7 Tagen) entspricht bereits dem in den Radiologischen Grundlagen zitierten Schwellenwert für geistige Behinderung und Missbildung bei vorgeburtlicher Bestrahlung. In den Radiologischen Grundlagen von 1988 wurde dafür sogar ein Schwellenwert von 50 mSv diskutiert. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass der Dosiswert, bei dessen Erreichen eine Schutzmaßnahme angeordnet wird, nicht unbedingt dem Eingreifrichtwert entspricht. Bei Erreichen eines Eingreifrichtwerts wird das Einleiten einer Maßnahme geprüft, wobei der Vorgang des Prüfens eine Abwägung ist, die intuitiv ohne festgelegte Regeln erfolgt. Weitere Faktoren wie Machbarkeit, Strahlenbelastung der Hilfskräfte, Unsicherheiten bei der Bewertung, subjektive Einschätzungen oder auch politische Aspekte spielen eine Rolle.

4. Rahmenempfehlungen zum Katastrophenschutz

Die "Rahmenempfehlungen für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen" beinhalten planerische Vorgaben für behördliche Sofortmaßnahmen zur Warnung und zum Schutz oder zur Rettung der umwohnenden Bevölkerung im Falle eines schweren Unfalls. Die neue Fassung wurde am 11.6.1999 auf der Innenministerkonferenz verabschiedet und ersetzt die Fassung vom 1.12.1988. Rahmenempfehlungen für den Katastrophenschutz dienen den Länderbehörden als Planungsgrundlage für die bundeseinheitliche Aufstellung von Katastrophenschutzplänen. Insofern beschreiben sie genau das, was im Falle eines Reaktorunglücks in der BRD auf jeden von uns zukommen könnte.

Die neuen Empfehlungen finden ausdrücklich auch Anwendung auf ausländische grenznahe Atomanlagen. Sie gelten aber immer noch für einen Umkreis von 25 km um den Unfallort. Die Katastrophe wird so örtlich begrenzt, da außerhalb dieses Bereichs nach wie vor "besondere Katastrophenschutzplanungen grundsätzlich nicht erforderlich" sind. Nach den Erfahrungen von Tschernobyl lassen sich die Auswirkungen aber keineswegs auf Kreise um das havarierte Atomkraftwerk beschränken. Die radioaktive Belastung der Umgebung von Tschernobyl war beeinflusst durch die meteorologischen Verhältnisse zum Zeitpunkt des Unfalls, so dass weiter entfernte Gebiete durchaus stärker belastet wurden als Teile der 30-km-Zone. Mit der Hilfe bereits vorliegender Prognosemodelle, wie auch in den Rahmenempfehlungen (in Absatz D7) beschrieben, muss Katastrophenschutz nicht mehr zwingend in vorgegebenen Kreisflächen organisiert werden.

In den Rahmenrichtlinien wird das Zusammenwirken zwischen behördlicher Planung und Maßnahmen des Betreibers festgelegt. Der Betreiber ist verpflichtet, die zuständigen Behörden zu alarmieren, zu informieren und Messungen und Probenahmen durchzuführen. Zu den behördlichen Aufgaben gehören die Katastropheneinsatzleitung, die Lageermittlung, die Alarmierung und Durchführung der Alarmmaßnahmen, wie Warnung und Unterrichtung der Bevölkerung, Verkehrslenkung und -regelung, Empfehlung zum Aufenthalt in Gebäuden (Abb.2), Verteilung von Jodtabletten, vorsorgliche Räumung bzw. Evakuierung und Dekontamination und ärztliche Betreuung.

Abb.2 Schutzwirkung eines Gebäudes

Die Unterrichtung der Bevölkerung wurde neu in den Voralarm mit aufgenommen. Die Bevölkerung soll dabei über das Ereignis informiert werden, und es können auch erste Anweisungen erfolgen. Nach wie vor unsinnig ist die Ausgabe von Jodtabletten organisiert. Ein Abholer oder Überbringer bekommt diese an Ausgabestellen, so dass er sich notgedrungen im Freien, also in der radioaktiven Wolke, aufhalten muss, obgleich Jodtabletten zur Blockade der Schilddrüse frühzeitig vor einer Inhalation von Radiojod eingenommen werden sollen. Eine Vorverteilung an Haushalte in der Umgebung eines Atomkraftwerks würde Abhilfe schaffen.

Erwähnt werden soll aber auch, dass die Einsatzaufgaben von Polizei und Feuerwehr ohne zusätzliche Strahlenexposition für diese Personengruppe nicht durchführbar sind. Der Grundsatz der Vermeidung deterministischer Schäden ist hier nicht mehr anwendbar. Die Strahlenschutzkommission empfiehlt, dass eine Dosis von 250 mSv pro Einsatz nicht überschritten werden darf, es sei denn in Ausnahmefällen und nur bei lebensrettenden Maßnahmen. In diesen seltenen Fällen sollte jedoch die Dosis von 1000 mSv die Obergrenze sein. In Dosisbereichen oberhalb von 1000 mSv tritt das akute Strahlensyndrom auf. Bereits im Dosisbereich von 500 mSv reagiert das Knochenmark mit einer Störung der Blutbildung. Zeitweilige Sterilität bei Männern tritt schon ab 150 mSv auf.

Sinn und Unsinn von Katastrophenschutz

Über den Sinn und Unsinn von Katastrophenschutz wurde schon viel diskutiert. Niemand kann vorhersagen, wie sich die Bevölkerung bei einer atomaren Katastrophe verhalten wird. Ein Verkehrschaos wird nicht zu verhindern sein, wenn, wie prognostiziert, 80 % der gefährdeten Bevölkerung auf eigene Faust im Auto die Flucht ergreifen. Gleichzeitig müssen die Helfer und Evakuierungsbusse aber in das Gebiet hineinkommen können. Auch werden Personen von außerhalb versuchen, zu ihren Familien in das Gebiet zu gelangen. Mit einer Ausfallquote unter den Ärzten und Hilfskräften ist ebenfalls zu rechnen, da sie lieber sich und ihre Familien in Sicherheit bringen wollen.

Die Katastrophenplanung hat aber nicht nur Lücken und Mängel, sie geht auch von fragwürdigen Voraussetzungen aus. Alle Planungen gehen von der Annahme aus, dass zwischen Störfallbeginn und Kernschmelze mehrere Tage vergehen. Nach neueren Erkenntnissen bleiben vermutlich aber nur zwei bis vier Stunden bis zur Kernschmelze. Ein solcher Zeitrahmen lässt eine Evakuierung der Bevölkerung überhaupt nicht mehr zu. Auch die Ausgabe von Jodtabletten ist dann nicht mehr denkbar. Die Bevölkerung kann nur noch aufgefordert werden, im Haus zu bleiben und in Betracht kommende Schutzmaßnahmen selbst zu ergreifen. Dies wäre dann das Schließen von Fenstern und Türen, das Abschalten von Lüftungs- und Klimaanlagen, einfache Hygiene- und Dekontaminationsmaßnahmen und den Verzicht auf Freilandgemüse.

Einmal mehr wird damit evident, dass der Ausstieg aus der Atomtechnik schnellstens vollzogen werden muss.

Karin Wurzbacher
Zeitschrift Umweltnachrichten Ausgabe: 89/2000
Umweltinstitut München e.V.


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