Die evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler kam zur Protestveranstaltung am 9. Juni 2004
Die BÜRGER GEGEN ATOMREAKTOR GARCHING e. V. hatten vor dem Festakt zur Inbetriebsetzung des Atomforschungsreaktors FRM II am 9. Juni 2004 Erzbischof Kardinal Wetter und die evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler zu ihrer Protestveranstaltung gegen das neue Atomprojekt eingeladen.

Die Regionalbischöfin sprach am Tag des Festaktes zu den Demonstranten und legte ihre Position dar, bevor sie anschließend zum Festzelt ging. „Auf keinen Fall werde ich den Atomreaktor segnen“, sagte sie den Versammelten. Vielmehr segnete sie nicht nur die Mitarbeiter des Forschungsreaktors, sondern auch alle Menschen, die aus sachlichen und ethischen Gründen den Reaktor kritisch gegenüberstehen und sich Sorgen machen.

Die evangelische Regionalbischöfin Breit-Keßler ist damit einverstanden, dass die BÜRGER GEGEN ATOMREAKTOR GARCHING e. V. ihre im Festzelt gehaltene Rede im Internet veröffentlichen (s. u.). Sie segnete nicht nur die Reaktorleute sondern auch die Reaktorgegner und suchte den Dialog auch mit den Reaktorgegnern in dem sie auf der Protestveranstaltung ihre Position darlegte.

Hinweis: Da die BÜRGER GEGEN ATOMREAKTOR GARCHING e. V. von der Haltung des katholischen Kardinal Wetter enttäuscht waren, kam es zu zu einem Offenen Brief. Daraufhin erfolgte eine Einladung zu einem Gespräch. Die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Ansprache von Kardinal Wetter wurde nicht erteilt.


Ansprache anlässlich der Eröffnung der Forschungs-Neutronenquelle (FRM-II) im Festzelt in Garching, 9. Juni 2004, 10 Uhr von der evangelischen Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT!

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrter Herr Staatsminister, Frau Bürgermeisterin, Herr Präsident der Technischen Universität, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder!

Wir hören Verse aus dem Psalm für diese Woche:

"Der HERR ist groß und sehr zu loben, und seine Größe ist unausforschlich. Kindeskinder werden deine Werke preisen und deine gewaltigen Taten verkünden. Sie sollen reden von deiner hohen, herrlichen Pracht und deinen Wundern nachsinnen. (...) Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn ernstlich anrufen." (Psalm 145,3-5.18)

Die biblischen Worte werfen ein bemerkenswertes Licht auf die festliche Eröffnung der "Forschungs-Neutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz". Ausdrücklich ermutigt die Heilige Schrift dazu, Gottes Wundern nachzusinnen. Die Natur ist weder dämonisch noch tabuisiert. Sie ist Gottes gute Schöpfung, in und mit der wir leben. Der jüdisch-christliche Glaube impliziert die Freiheit, die Welt verstehen zu wollen, die Freiheit und den Auftrag zu Wissenschaft und Forschung im Dienst des Menschen. Eine Freiheit, die immer zugleich Verantwortung bedeutet.

Heinz Maier-Leibnitz selbst liebte jenes bekannte Gedicht Eichendorffs, in dem es heißt: "Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst Du nur das Zauberwort". Man kann ins Schwärmen kommen angesichts der Harmonie und inneren Schönheit des Kosmos, die sich dem Forscher im Kleinen wie im Großen erschließt. Faszinierend ist die Entdeckung, dass und wie alles zusammenhängt und -stimmt. Faszinierend sind die Optionen, Einfluss zu nehmen und zu gestalten. Faszinierend und verlockend ist die Macht, die uns damit anvertraut ist.

Je mehr Menschen erkennen, desto mehr beschreiten sie ungeahntes Terrain. Je mehr wir die Menge und Qualität unserer Handlungsmöglichkeiten erhöhen, desto größer wird die Vielfalt der Chancen und der Risiken, mit denen wir zu rechnen haben. "Gottes Größe ist unausforschlich", ruft der Psalm in Erinnerung. Demut und Ehrfurcht sind unverzichtbare Voraussetzungen eines vernünftigen Gebrauchs der Freiheit. Dann und nur dann sind die anspruchsvollen Worte zutreffend, die in der Einladung zu diesem Festakt zu lesen sind: "Eine lebenswerte Zukunft gestalten wir mithilfe von Wissenschaft und Technik".

Stolz und Freude am heutigen Tag sind verständlich. Viele haben sich mit beharrlichem Einsatz für die Planung, Genehmigung und Errichtung des Forschungsreaktors stark gemacht. Die Hochachtung vor wissenschaftlichem Elan und Eifer wird nicht getrübt durch die nüchterne Feststellung, dass dieses Projekt alles andere als unumstritten war und ist. Auch innerhalb der Kirchen gab und gibt es Befürworter, denen vor allem an medizinischen Anwendungen, an der der Hoffnung für Krebspatienten, an Material- und Grundlagenforschung gelegen ist, wenn sie denn lebensdienlich ist.

Neben den Befürwortern gibt es viele Kritiker des neuen Forschungsreaktors. Die hohen Kosten werden von manchen Wissenschaftlern und von Bürgerinitiativen kritisiert. Im Vordergrund der Sorgen aber steht die Frage nach der Verwendung von hoch angereichertem Uran. Weltweit gibt es Bemühungen um die Nichtverbreitung von atomwaffenfähigem Material, auch in zivilen Forschungsreaktoren soll der Einsatz von hochangereichertem Uran abgebaut werden. In diesem Zusammenhang bekommt die Sicherheitsfrage – gerade auch in Zeiten von Gewalt und Terror - eine neue, weitere Dimension.

Unsere Landessynode hat sich eingehend mit Pro und Kontra des FRM II befasst und zu einem fairen Dialog der Konfliktparteien aufgerufen – zu einem Dialog, der seine Schubkraft nicht aus Vermutungen oder Verdächtigungen erhält. Der protestantische Philosoph Hegel meinte: „Indem der gemeine Menschenverstand sich auf das Gefühl, sein inwendiges Orakel, beruft, ist er gegen den, der nicht übereinstimmt, fertig; er muss erklären, dass er dem weiter nichts zu sagen habe, der nicht dasselbe in sich finde und fühle; - mit anderen Worten, er tritt die Wurzel der Humanität mit Füßen. Denn die Natur dieser ist, auf Übereinkunft mit anderen zu dringen.“

Die Humanität verletzt auch, wer sich allein auf die vermeintlich absolute Überlegenheit seines Wissens beruft. Rückblickend muss konstatiert werden, dass die notwendige Kommunikation vielfach mehr von Misstrauen, Unterstellungen und Verdächtigungen denn von gegenseitigem Respekt geprägt wurde. Eine wichtige Lehre, die daraus zu ziehen ist, lautet: Mindestens ebenso wichtig wie der wissenschaftliche Fortschritt ist die Weisheit, die damit verbundenen Erwartungen, Hoffnungen und Ängste in einem glaubwürdigen Prozess der Verständigung miteinander zu vermitteln. Ohne solche Weisheit scheitert der notwendige Dialog. Das kann sich eine demokratische Gesellschaft auf Dauer nicht leisten.

"Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn ernstlich anrufen". Nach biblischer Einsicht hängen die Verantwortung vor Gott und die Verantwortung vor den Menschen untrennbar zusammen. Wer Gott Gehör schenkt, wird sich leichter tun, denen zuzuhören, die Unerwartetes, vielleicht bislang Unerhörtes aussprechen. Umgekehrt gilt: Wer neugierig ist auf das, was andere zu sagen wissen, wird auch offene Ohren haben für Gott. Unser Segen heute gilt allein den Menschen, die sich einander in der Intention zuwenden, dass es zwischen ihnen zu einer lebendigen Gegenseitigkeit kommt und die mit ihrer Arbeit und ihrem Engagement dem Leben dienen wollen.


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