Auch der neueste deutsche Atommeiler Garching 2 würde eine gezielte Attacke mit einem Flugzeug nicht überstehen
MÜNCHEN taz - Auch der neue Atomforschungsreaktor Garching bei München ist gegen Terrorangriffe nicht ausreichend gesichert. Das räumte am Mittwoch Abend der Vorsitzende der Reaktorsicherheitskommission, Lothar Hahn, ein. Bürger, die gegen die Inbetriebnahme protestieren, hatten ihn eingeladen. "Es gibt ab bestimmten Einwirkungen keinen Schutz mehr. Das muss man sich eingestehen", so Hahn.

Doch der Wissenschaftler, der vom atomkritischen Öko-Institut Darmstadt kommt, will niemanden "in Panik zurücklassen". Bei einem Terroranschlag mit einem Flugzeug sei der neue Garchinger Reaktor deutlich weniger riskant als andere Atomkraftwerke, erklärte Hahn. Der bereits vereinbarte Einsatz von hoch angereichertem, atomwaffenfähigem Uran spielt bei einem Unfall laut Hahn keine Rolle.

Wenige Wochen vor den Terroranschlägen vom 11. September nahm die Reaktorsicherheitskommission im Genehmigungsverfahren zu Garching Stellung. Wie, darüber gab ihr Chef keine Auskunft. Die Stellungnahme solle auch nicht nach den Attentaten in den USA aktualisiert werden. Die Kommission, ein Beratergremium des Bundesumweltministeriums, begnüge sich mit seinem Mitte Oktober vorgelegten allgemeinen Bericht über die Sicherheit von Atomanlagen, sagte Hahn.

So hat die Kommission auch für den Garching-Reaktor offensichtlich nur berechnet, ob die Kuppelwand gegen einen unabsichtlichen Absturz eines schnell fliegenden Militärjets geschützt ist. Ein gezielter Angriff mit einem großen Verkehrsflugzeug muss weiterhin nicht berücksichtigt werden. Dass die Betriebsgenehmigung dennoch aussteht, liegt Hahn zufolge daran, dass die Reaktorbetreiber 20 Forderungen seiner Kommission noch nicht vollständig erfüllt haben.

Auch der stellvertretende Chef des Garching-Reaktors, Klaus Böning, sieht nun eine "neue Stufe der Bedrohung", betont aber, dass der Absturz eines Verkehrsflugzeugs sehr unwahrscheinlich sei.

Die Initiative "Bürger gegen den Atomreaktor Garching" fordert eine erneute Sicherheitsprüfung. Bei der für Studenten offenen universitären Forschungsanlage gebe es zusätzlich das Risiko von Anschlägen aus dem Inneren.

Der Garchinger Atomforschungsreaktor München FRM 2 ist seit zwei Monaten betriebsbereit. Es ist der erste deutsche Reaktorneubau nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl. Das Bundesumweltministerium prüft noch, ob die vom bayerischen Umweltministerium vorgeschlagene Betriebsgenehmigung den Berliner Anforderungen entspricht

OLIVER HINZ

(taz Nr. 6614 vom 30.11.2001)


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