In Garching bei München baut zur Zeit die Technische Universität München (TUM) mit der Firma Siemens als Generalunternehmer einen Atomreaktor. Es handelt sich um einen Forschungsreaktor (FRM II) zur Bereitstellung von Neutronen für die Grundlagenforschung als Ersatz für den alten Forschungsreaktor FRM von 1957, das legendäre "Atomei". Der FRM II ist der einzige Reaktorneubau in Deutschland und der einzige Neubau eines Forschungsreaktors weltweit, der hochangereichertes waffenfähiges Uran (HEU) einsetzen will. Das Richtfest für den Rohbau fand im August 1998 statt. Bisher wurden die erste und zweite Teilerrichtungsgenehmigung (TEG) rechtskräftig erteilt. Sie beinhalten das vorläufige positive Gesamturteil, die Errichtung der Gebäude und der technischen Einrichtungen sowie den kalten Betrieb. Die dritte TEG steht noch aus. Sie wird den Reaktorkern und den heißen Betrieb zum Gegenstand haben und wird für 2001 erwartet. Kritisiert wird der Reaktor vor allem wegen der Verwendung von waffenfähigem Uran als Brennstoff und dem bisher nicht ausreichend getesteten Brennelement.

Das Problem HEU

In vielen Ländern, Nuklearmächten und Schwellenländern, besteht ein Zusammenhang zwischen Forschungsreaktoren und nuklearer Rüstung. Die in Forschungsreaktoren gewonnenen Erkenntnisse dienen dabei der nuklearen Aufrüstung. Mit Forschungsreaktoren können Nicht-Nuklearmächte aber auch direkt in den Besitz von Atomwaffenmaterial gelangen. Der Waffenstoff Plutonium kann in Uran-Proben in begrenzten Mengen erbrütet werden, steht allerdings erst nach chemischer Abtrennung (Aufarbeitung) zur direkten Verfügung. Bei der Verwendung von hochangereichertem Uran (HEU) als Brennstoff (von den Atommächten allein für friedliche Zwecke geliefert) ist der direkte Zugriff durch Abzweigung des atomwaffenfähigen HEU möglich. Aber auch zu Brennstoff verarbeitetes HEU ist dagegen nicht resistent, da es jederzeit chemisch abgetrennt werden kann.

Im Garchinger Forschungsreaktor FRM II soll hochangereichertes Uran (Anreicherung: 93 %) eingesetzt werden. Dieser Kernbrennstoff ist zum Bau von Atombomben geeignet. Bei einem Jahresbedarf von 40 kg HEU wird beim FRM II die signifikante Menge gemäß IAEO wesentlich überschritten. Im Gegensatz zu den mit Plutonium ausgerüsteten "High-Tech-Atombomben" der Nuklearmächte sind "Uran-Bomben" relativ einfach zu konstruieren, was sie gerade für Schwellenländer (die in Pakistan 1998 getesteten Bomben waren Uran-Bomben) und Terroristen besonders interessant macht. Daher besteht ein weltweites Interesse, den Markt an waffenfähigen Spaltstoffen auszutrocknen. Ende der 70er Jahre wurde ein internationales Programm zur Abreicherung der Brennstoffe für Forschungsreaktoren (RERTR = Reduced Enrichment for Research and Test Reactors) aufgelegt. Die BRD beteiligte sich daran mit 45 Mio. DM. Im Rahmen des Programms wurden spezielle hochdichte Brennstoffe (Uransilizid) entwickelt, die eine Umstellung auf niedrig angereichertes Uran (LEU) ohne nennenswerten Verlust an Neutronen ermöglichen. Weltweit wurde nur in Libyen und China je ein HEU-Reaktor vergleichbarer Größe gebaut, allerdings nicht - wie beim FRM II - unter Ausnutzung der Vorteile des hochdichten, für Abreicherungszwecke entwickelten Brennstoffs.

Die USA liefern hochangereicherte waffenfähige Brennstoffe nur noch an Forschungsreaktoren, die feste Umstellungspläne haben oder demnächst stillgelegt werden. Ein weiterer möglicher Lieferant, Rußland, verhält sich zwiespältig. Es besteht ein "Side Agreement" zwischen der russischen Föderation und den USA auf Nichtweitergabe von HEU. Zwischen Frankreich und Rußland wurde eine Vereinbarung über die Lieferung von HEU nach Frankreich geschlossen, die lange nicht erfüllt wurde. Die erste Lieferung erfolgte überraschend im Dezember 1998, weil russische Wissenschaftler gerne am ILL in Grenoble forschen wollen. In der Zwischenzeit hatte sich das ILL aber auch zu einer Umrüstung auf LEU bereit erklärt. Im Juni 1998 hat die deutsche Bundesregierung ein Rahmenabkommen mit Rußland abgeschlossen über die Lieferung von 1200 kg HEU zur Versorgung des Garchinger Reaktors. Die Umsetzung dieses Abkommens würde den französischen Vorstoß stärken und den derzeit ausgetrockneten HEU-Markt weltweit erneut mitankurbeln.

Die deutsche Linie

Derartige Befürchtungen führten bereits bei den Verhandlungen zur Verlängerung des Atomwaffensperrvertrags im Mai 1995 zu einem Vorstoß von 11 Nicht-Atomwaffenstaaten (Australien, Kanada, Niederlande, Österreich, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, Ungarn, Irland, Neuseeland), neue Forschungsreaktoren möglichst nicht mehr als HEU-Reaktoren zu konzipieren. Gegen den Widerstand der USA verwässerte die deutsche Delegation diese Passage in der Beschlußvorlage mit der Formulierung, daß es technisch, wissenschaftlich und ökonomisch machbar sein muß - ein Notanker für den bayerischen FRM II.

Darüberhinaus hat der Deutsche Bundestag bereits 1993 einstimmig beschlossen, daß auf HEU in Forschungsreaktoren verzichtet werden soll, soweit dies technisch möglich ist. Und ein Verzicht auf HEU ist beim FRM II technisch möglich! Das haben bereits 1991 US-amerikanische Wissenschaftler aufgezeigt. Unter der Voraussetzung, daß der angestrebte Neutronenfluß zu erhalten ist, würde eine Umstellung des FRM II auf LEU einer Neukonzeption entsprechen, da dann wesentliche Komponenten verändert werden müßten. Dies wird um so aufwendiger, je weiter der Reaktorbau vorangeschritten ist. Es sei denn, ein geringerer Neutronenfluß wird inkaufgenommen. Dann würden Aufwand und Kosten minimal ausfallen.

Aufgrund der Koalitionsvereinbarung der neuen rot-grünen Bundesregierung vom Oktober 1998 wurde eine sechsköpfige Kommission eingesetzt, die prüfen soll, ob Möglichkeiten einer Umrüstung des Forschungsreaktors FRM II vom Betrieb mit hochangereichertem auf niedrigangereichertes Uran bestehen. Die Kommission hat ihre Arbeit bereits aufgenommen und soll im Juni 1999 eine Empfehlung abgeben, die dann der Bundesregierung als Entscheidungshilfe dienen wird. Die TU München verbreitet bereits jetzt als Meinung der Kommission, daß eine Umrüstung von hoch- auf niedrigangereichertes Uran derzeit nicht möglich ist. Dabei wäre durch eine Umrüstung das Verwerflichste an diesem Reaktorprojekt abgewendet. Der Nachahmeffekt anderer Forschungsreaktoren im In- und Ausland wäre vermieden. Allein in Deutschland gibt es zwei weitere Forschungsreaktoren, bei denen die Umstellung zwar untersucht, aber noch nicht vollzogen ist. Bekommt Garchings FRM II als Präzedenzfall HEU, so ist anzunehmen, daß sich die Betreiber der Forschungsreaktoren Jülich und Berlin der geplanten Umstellung mit Hinweis auf Garching verweigern werden. Schon allein in Deutschland geht es nicht nur um HEU in Garching, sondern um die Entscheidung: "entweder keinen HEU-Reaktor oder drei HEU-Reaktoren". Die Kritiker des Garchinger Projekts haben immer wieder auf diesen schädlichen Nachahmeffekt hingewiesen, insbesondere wenn Forschungsreaktoren in sogenannten Schwellenländern errichtet werden sollen. Jetzt zeigt es sich bereits, daß diese Kritik berechtigt war und ist.

Bisher hat sich die Bayerische Staatsregierung über weltweite Bemühungen zur Nichtverbreitung von Atomwaffenstoffen, über außenpolitische Bedenken gegen den Einsatz von HEU in einem deutschen Forschungsreaktor und über einen einstimmigen Beschluß des Deutschen Bundestags hinweggesetzt, um letztlich eine Arbeits-Beschaffungs-Maßnahme für Siemens/KWU finanzieren zu können. Eine weltweite Verbreitung von Reaktoren vom Typ FRM II (z.B. durch die Fa. Siemens) stellt aus friedenspolitischer Sicht ein enormes nukleares Risiko dar.

HEU = highly enriched uranium
LEU = lowly enriched uranium
IAEO = Internationale Atomenergie Organisation

Umweltinstitut München e.V., Karin Wurzbacher, Dipl.Phys. März 1999

Am 21. Juni 1999 wurde der Bericht veröffentlicht, den die von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission zur Prüfung der Umrüstbarkeit (HEU/LEU) des zehn Kilometer nördlich von München im Bau befindlichen Atomforschungsreaktors FRM II erstellt hat.

Diesen Bericht (23 Seiten) kann man sich kostenlos zuschicken oder mailen lassen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Tel. 02 28 / 57 20 40.


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