Sorgenkind FRM II
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26. April 2000

Noch immer gibt es keine klaren Aussagen der rot-grünen Bundesregierung zum Garchinger Forschungsreaktor FRM II. Also wird in Garching munter weitergebaut. Mit dem Jahrtausendwechsel wurde bereits auch für den zukünftigen FRM II die wasserrechtliche Genehmigung für die Einleitung von schwach radioaktivem Abwasser in die Isar genehmigt. Und die zukünftigen Betrieber (TU München) protzen damit, daß nun bereits die Fertigung des ersten Brennelements aus hochangereichertem Uran (HEU) in Auftrag gegeben ist. Denn schließlich wolle man Anfang 2001 mit Erteilung der 3. Teilerrichtungsgenehmigung mit dem heißen Probebetrieb beginnen. Und dies wäre dann zugegebenermaßen der erste realistische Test, denn bis jetzt ist der neuartige Brennstoff nicht ausreichend getestet.

Gemäß Koalitionsvereinbarung unserer amtierenden Regierung sollte der FRM II aus proliferationspolitischen Gründen möglichst nicht mit HEU in Betrieb gehen. Eine Umrüstung auf niedrig angereichertes Uran (LEU) sollte geprüft werden. Aus diesem Grunde war eine Kommission einberufen worden, die bereits im Juni 1999 ihren Abschlußbericht vorgelegt hat. Seitdem prüfen die Ressorts die Umsetzung der Kommissionsempfehlungen. Eine Abstimmung zwischen den einzelnen Ressorts hat noch nicht stattgefunden und auch nicht das notwendige bundesaufsichtliche Gespräch mit Bayern, um Staatsregierung und TU München endlich zu einer Umrüstung des FRM II auf LEU zu bewegen. Diese Situation ist unbefriedigend, da ein Hinausschieben einer klaren Entscheidung aus Berlin eine Fertigstellung des FRM II mit HEU-Konzept wie geplant begünstigt.

Die Kommission kam zu folgendem Ergebnis: "Die Umrüstung des FRM II auf den Einsatz von LEU-Brennstoff vor seiner Fertigstellung ist eine proliferationspolitisch sinnvolle und technisch realisierbare Option. Es besteht Einigkeit, daß ein solcher Umbau grundsätzlich denkbar ist und unzumutbare Beeinträchtigungen für die Wissenschaft vermeidbar sind, wenn es in einem fest kakulierbaren Zeitraum von maximal 3 Jahren durchgeführt werden kann. ... Mit der Fertigstellung des FRM II und seiner Inbetriebnahme mit HEU-Brennstoff wird das proliferationspolitische Ziel verfehlt." Der Auftrag an die Bundesregierung ist damit recht eindeutig.

Es gibt viele Argumente, die für eine sofortige Umrüstung des FRM II auf LEU sprechen:

  1. Der geplante Einsatz des atomwaffenfähigen HEU im Garchinger Forschungsreaktor ist ethisch fragwürdig. Vor dem Hintergrund und unter Abwägung internatonaler Sicherheitsinteressen ist der Einsatz von nichtwaffenfähigem LEU absolute Notwendigkeit.
  2. Der FRM II mit HEU-Konzept ist ein schädlicher Präzedenzfall für weitere künftig zu bauende Forschungsreaktoren. Weltweit wäre er der einzige Neubau eines HEU-betriebenen Reaktors dieser Größe. Er würde das bislang erfolgreiche internationale Programm zur Abreicherung von Forschungsreaktoren (RERTR, Reduced Enrichment for Research and Test Reactors) torpedieren und damit Deutschland außenpolitischen Schaden zufügen.
  3. Das Nicht-Verbreitungs-Regime würde unterlaufen. Die Herstellung nuklearer Sprengköpfe ist aufgrund der unterschiedlichen Radiotoxizität mit HEU einfacher zu bewerkstelligen als mit Plutonium. Also setzt sich das Nicht-Verbreitungs-Regime dafür ein, daß Produktion, Einsatz, Transport und Lagerung von HEU unterbunden werden.
  4. Die geplante Verwendung von HEU in Kombination mit hochdichtem Silizid-Brennstoff wäre eine brüskierende Zweckentfremdung. Schließlich wurde der hochdichte Silizid-Brennstoff im Rahmen des RERTR-Programms speziell für die Abrüstung von Forschungsreaktoren entwickelt. Die höhere Dichte hatte das Ziel, die niedrigere Anreicherung weitgehend zu kompensieren, damit Reaktoren mit LEU-Brennstoff betrieben werden können.
  5. Nur die sofortige Umrüstung des FRM II, also vor Inbetriebnahme macht Sinn. Bei einer Inbetriebnahme des FRM II mit HEU wäre es völlig ungewiß, ob irgendwann überhaupt eine spätere Umstellung auf LEU erfolgen könnte. Bei gültiger Betriebsgenehmigung würden die rechtlichen Möglichkeiten wenig Erfolg in Aussicht stellen. Zudem wäre ein späterer Umbau des dann radioaktiven Reaktors aufgrund des höheren Aufwands und aufgrund des Strahlenschutzes nicht akzeptierbar.
  6. Die angeblich gravierende Nutzungsminderung bei einer Umrüstung auf LEU ist tolerierbar. Der zu erwartende Verlust an Neutronenfluß von 15 - 30 % kann durch entsprechend längere Meßzeiten kompensiert werden. Der FRM II wäre damit immer noch ein Hochflußreaktor und der "beste" Forschungsreaktor in Deutschland.
  7. Bei einer sofortigen Umrüstung des FRM II würde die Inbetriebnahme zwar verzögert aber dennoch wären die Forschungskapazitäten gesichert. Bis zur Inbetriebnahme steht in Garching das Atomei FRM zur Verfügung. Weitere Ausweichmöglicheiten sind drei weitere bestehende Forschungsreaktoren in Deutschland sowie der Grenobler Reaktor mit bekanntermaßen freien Forschungskapazitäten und weltweit höchstem Neutronenfluß. Erstaunlicherweise sind zwei davon (Geesthacht und Berlin) bereits auf LEU umgerüstet und für die beiden anderen laufen die Umrüstungsplanungen (Jülich und Grenoble).
  8. Im jetzigen Stadium wäre der technische Aufwand einer Umrüstung am geringsten. Zudem stellt die Umrüstung einen relativ kleinen Umbau dar, der aufgrund der Vergrößerung des Brennelements in erster Linie den Moderatortak und den Regel-Abschaltstab im Zentralrohr betrifft. Noch ist der Reaktor gut zugänglich und die Einbauten sind noch nicht radioaktiv verseucht. Je eher mit den Umplanungen begonnen wird, um so kostengünstiger wird die Umrüstung.
  9. Es ist nicht vermittelbar, warum in Berlin das Thema FRM II nur so zögerlich und schleppend behandelt wird. Eine größere Entscheidungsfreudigkeit der Regierung im Sinne der zitierten Kommissionsempfehlung hätte schon längst Klärung bringen und die Bayern in ihre Schranken verweisen können. Es kann doch nicht sein, daß bei dieser Sachlage sich die Bürgerinitiativen allein dieser Aufgabe stellen, daß nur sie auf das international brüskierende Vorgehen in Bayern reagieren und daß nur sie sich nach Kräften für eine Verhinderung dieses unsinnigen HEU-Prestigeobjekts einzusetzen.

Dipl. Phys. Karin Wurzbacher


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